Einfach mal bewusst genießen

Ihre Ankunft ist nicht zu überhören. Laut holpern die Räder ihres Cityrollers über den Bürgersteig. Sie hat es eilig, immerhin ist sie schon 20 Minuten zu spät. Das Rattern hallt durch die ganze Straße. Dann biegt sie um die Ecke und klappt den Roller schnell zusammen. Sie lächelt entschuldigend. Jilly ist da. Sie ist unaufdringlich, höflich und korrekt. Und trotzdem ist sie irgendwie quirlig. Wäre sie eine Farbe, dann wäre sie wohl ein Regenbogen.

Jilly Latumena

Es ist Montagabend und sie kommt gerade von der Arbeit. Sie ist Steinmetzmeisterin und arbeitet zweimal die Woche in der Handwerkskammer. Nun ruft ihre andere Pflicht. Jilly ist die Botschafterin von Foodsharing Darmstadt und eine von vielen Foodsavern. Mehrmals die Woche fährt sie zu Supermärkten und holt dort Lebensmittel ab, die sonst in der Mülltonne landen würden. Die bringt sie dann zu den sogenannten Fairteilern, offenen Kühlschränken, an denen sich jeder bedienen kann. An diesem Montag kann sie einiges mitnehmen. Eine ganze Palette Joghurt ist dabei, deren Mindesthaltbarkeitsdatum gerade einmal einen Tag abgelaufen ist. Beim Obst und Gemüse muss sie etwas aussortieren. Viele der Tomaten sind schon schimmlig, die muss sie wohl oder übel wegwerfen. Dennoch ist die Ausbeute gut.

Normalerweise würde Jilly die Lebensmittel nun zum TU Fairteiler bringen, der ist rund um die Uhr für alle zugänglich. Heute ist das jedoch keine Option. Der Raum wurde von Vandalen verwüstet. Die Arbeit von Jilly und ihren Helfern wurde mit Füßen getreten. „Vor dem TU Kühlschrank geiern immer schon einige Leute, oft sind es die gleichen Gesichter. Sie helfen nur halbherzig und zeigen keinerlei Wertschätzung für unsere Arbeit.“ Sie ringt um die richtigen Worte, will nicht beleidigend werden. Unterkriegen lässt sie sich davon jedoch nicht. Ihre heutige Abholung stellt sie Zuhause ins Treppenhaus und sagt den Nachbarn, dass sie sich bedienen können.

Jilly 2014 am TU Fairteiler

Jilly 2014 am TU Fairteiler                                                           Foto: Stefan Krombach

Für diesen Abend hat sie aber noch mehr geplant: Sie möchte spontan einen kleinen türkischen Supermarkt und eine Bäckerei als Kooperationspartner gewinnen. Dort will sie in Zukunft eine Zusammenarbeit arrangieren, damit die Inhaber die Reste des Tages nicht wegwerfen müssen. „Abfuhren bekommt man immer wieder, aber man muss hartnäckig bleiben. Wichtig ist, dass man schnell reagiert. Wenn sie unfreundlich werden, gehe ich wieder. Wenn sie unsicher sind, gebe ich ihnen Infomaterial und Bedenkzeit.“ Während der Gespräche mit den Angestellten äußert sie sich wohlüberlegt und routiniert. Heute hat Jilly Pech, die Chefs von beiden Läden haben schon Feierabend gemacht. Ihren Flyer lässt sie da.

„Ich habe heute trotzdem viel geschafft. Da kann ich mich mit einem Eis belohnen.“ Sie nimmt zwei Kugeln, Waldmeister und Kiwi-Joghurt. Ihre eigenen Bedürfnisse verliert sie neben ihrem Engagement für Foodsharing nicht aus den Augen. Mal geht sie in die Sauna, um sich zu entspannen, mal zum Kampfsport, um sich auszupowern und mal genießt sie einen Spaziergang mit ihren beiden Laufenten. So sammelt sie ihre Energie, um dann wieder Dinge zu tun, die für sie wichtig sind. „Es gibt gewisse gesellschaftliche Pflichten, die wir gemeinsam erfüllen müssen. Wir leben nun einmal auf Kosten der Umwelt und da ist es wichtig, auch dankbar dafür zu sein und etwas zu tun.“

Laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft werden in Deutschland jedes Jahr rund 82kg Lebensmittel pro Person weggeschmissen — und damit gleichzeitig etwa 235 Euro. In den meisten Fällen liegt es nicht einmal daran, dass das Essen nicht mehr genießbar ist. Viele Menschen schmeißen es einfach weg, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Im Gegensatz zum Verbrauchsdatum sagt das jedoch nicht aus, bis wann ein Produkt maximal haltbar ist, sondern nur bis wann es auf jeden Fall noch gut zu verzehren ist.

Das werfen wir weg

Das werfen wir durchschnittlich weg. Quelle: Studie der Universität Stuttgart 2012, gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Für Jilly ist solch ein Konsumverhalten unverständlich. Sie kritisiert die Überflussgesellschaft, in der wir heute leben. „Als ich gemerkt habe, wie viele Lebensmittel weggeschmissen werden, war ich wirklich erschüttert. Ich konnte das nicht mehr mit mir vereinbaren und habe schnell gesehen, dass ich mit diesem Gedanken nicht alleine bin. So kam ich zum Foodsharing.“ Die Gruppe ist gut organisiert. Neben einem Facebookauftritt mit über 6000 Mitgliedern gibt es eine Internetseite und regelmäßige Infotreffen. Jilly engagiert sich seit 4 Jahren für Lebensmittel. „Natürlich kann ich nicht irgendwo in den Kongo reisen und Gorillas retten. Das liegt außerhalb meiner Möglichkeiten. Aber beim Foodsharing können schon einzelne Leute Großes leisten. Das gefällt mir.“

Besonders Obst und Milchprodukte werden oft viel zu früh entsorgt.

Eine Heldin, sagt sie, ist sie nicht. Und das obwohl sie ihre eigenen Kriterien erfüllt: „Für mich ist ein Held ein Held, wenn er in Interaktion mit anderen etwas bewirkt. Aber er darf sich nicht damit profilieren. Das wäre ganz und gar nicht heldenhaft.“ Ganz uneigennützig muss Foodsaven dennoch nicht sein. „Wenn ich etwas Gutes tue, dann fühle ich mich natürlich auch besser. Außerdem macht man das ja nicht umsonst, man wird ja in Form von Lebensmitteln bezahlt.“ Sie selbst isst jedoch kaum gerettetes Essen. Das gibt sie eher ihren beiden Enten.

Wer Jilly zum ersten Mal trifft mag glauben, dass sie etwas über den Dingen schwebt.  Sie wirkt nachdenklich und korrekt. Und manchmal verliert sie sich für kurze Zeit in einer sehr philosophischen Welt. Doch sie findet immer wieder zurück. Ihren Wunsch für die Zukunft äußert sie stark und leidenschaftlich: „Unser Ziel ist es, irgendwann keine Lebensmittel mehr retten zu müssen. Das Ideal wäre, dass Foodsaving nicht mehr nötig ist. Man braucht uns ja nur, weil etwas falsch läuft.“ Recht hat sie.

Mehr Informationen über Foodsharing und wie du dich dafür selbst engagieren kannst, findest du hier.