Ein Stückchen Heimat

„Helden sind Menschen, die dort etwas tun, wo Hilfe gebraucht wird. Ohne Nachzudenken. Und Helden des Alltags machen eben keine ungewöhnlichen Dinge, sondern einfach das, was jeder tun kann.“
– Anna Laehdesmaeki

Gutmensch. Ein Wort. Zwei Silben, die eindeutiger in ihrer Aussage nicht sein könnten — und doch hat dieser Begriff einen faden Beigeschmack. Er ist das Unwort des Jahres 2016. Denn entgegen seiner ursprünglichen Bedeutung, wird er heute denen als Beleidigung an den Kopf geworfen, die sich ehrenamtlich engagieren, vor allem für Flüchtlinge.

Auch Anna bestätigt, dass viele Leute Vorurteile gegenüber Ehrenamtlichen haben. „Manche glauben, dass wir ein Helfersyndrom haben oder dass wir das Helfen für unseren eigenen Seelenfrieden brauchen. Bei einigen Freiwilligen mag das so sein, bei mir nicht.“ Anna weiß, wie es ist, in einem Land fremd zu sein. Sie ist gebürtige Finnin. Nach dem Abitur kam sie nach Deutschland, weil ihr ihre Heimat zu weit am Rande von Europa lag. Eine neue Sprache zu lernen, sich an eine andere Kultur zu gewöhnen und ein fremdes Land zur Heimat zu machen. Sie hat das alles schon hinter sich. Nun möchte sie Flüchtlingen dabei helfen, sich hier in Deutschland Zuhause zu fühlen. „Mit dem Handarbeitskurs versuche ich, ihnen etwas Vertrautes zurückzugeben, etwas, was man von Zuhause kennt, etwas Familiäres.“

Wenn es nach Anna gegangen wäre, dann wäre „Flüchtling“ das Unwort des Jahres geworden. „Dieser Begriff ist so fest stigmatisiert, das finde ich schlimm. Das hat fast nichts mehr mit Mensch sein zu tun, wie darüber berichtet wird.“ Sie beschließt, selbst etwas dafür zu tun, dass sich dieses Bild ändert.

Seit letztem August engagiert sich Anna für Flüchtlinge. Sie ist neugierig und möchte die Menschen kennenlernen, die in großer Zahl zu uns kommen. Zunächst arbeitet sie deshalb in einer Spendensammelstelle. Eine Begegnung ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: „Ich habe dort eine junge Frau getroffen und fragte sie, ob sie und ihre Familie Lust hätten, mich in die Stadt zu begleiten. Ich zeigte ihr dort, wie man hier ein Busticket kauft und wo man einkaufen geht. Wir waren gemeinsam Pizza essen und in der Bibliothek. Das war alles etwas ganz Alltägliches, aber so etwas hatte sie lange nicht erlebt. Es war für sie ein ganz spezieller und schöner Tag. Das fand ich schön.“ Doch sie möchte noch mehr tun.

Im Oktober startet sie für Flüchtlingsfrauen die Handarbeitsgruppe. Die findet jeden Freitag um 15 Uhr in der Lessingschule statt. „Wir haben das auch vorher in Erst- und Notunterkünften gemacht. Da waren manchmal bis zu 30 Frauen dabei. Hier variiert die Zahl stark.“ Parallel zum Strick- und Häkelkurs findet im Nebenraum Deutschunterricht statt. Im Flur wird gekickert. Es herrscht eine lebendige Atmosphäre. Nichts lässt daran erinnern, was viele der Menschen hier auf ihrem Weg nach Deutschland durchlebt haben müssen. Einige teilen ihre Geschichten mit Anna, andere schweigen. „Es gibt Beziehungen, die sind schon so stark, dass ich nachfragen kann, aber am Anfang tue ich das nicht. Entweder mir wird das erzählt oder nicht.“ Anna beschreibt sich selbst als ungeduldig, doch ihr Umgang mit den Flüchtlingen, passt nicht zu dieser Aussage.

In Annas Freundeskreis engagieren sich kaum Leute ehrenamtlich. Sie haben alle Fulltimejobs und Kinder, die ihre Zeit brauchen. Doch sie wissen es zu schätzen, was ihre Freundin tut. „Sie fühlen sich mit gut, weil ich das hier mache. Das färbt ab. Ich kriege viel Anerkennung von ihnen.“ Im Gegensatz zu ihren Bekannten hat Anna sehr viel Zeit für ihre ehrenamtliche Arbeit. Sie macht gerade ein Sabbatjahr, nachdem sie lange Personalleiterin in einem Unternehmen war. Freiwillig engagiert hat sie sich jedoch schon vor der Flüchtlingskrise. Vor Jahren ließ sie ihren Hund zum Therapiehund ausbilden und besuchte mit ihm behinderte Kinder. „Und jetzt gerade habe ich mich bei Amnesty International beworben. Ich will mich einfach in meinem Arbeitsfeld mit Dingen beschäftigen, die ich mit meiner moralischen Vorstellung vereinbaren kann.“

Dennoch glaubt sie, dass es eine große Rolle spielt, ob man für die Arbeit mit Flüchtlingen bezahlt wird oder nicht. Die Motivation, so Anna, sei dann sicher höher — Ausnahmen gebe es natürlich immer. Dass sie selbst hochmotiviert ist, bezweifelt niemand. Momentan lernt sie sogar arabisch, was nicht nur sie selbst stolz macht, sondern auch die Flüchtlinge. Der Junge, für den sie damit angefangen hat, hilft ihr mittlerweile sogar als Dolmetscher. Ihre Hilfsbereitschaft hat auf ihn abgefärbt. Wenn er groß ist, will er zurück nach Syrien gehen, um anderen Kindern zu helfen. „Das finde ich ganz toll“, erzählt Anna. „Es ist wichtig, dass er nicht nur das Schlechte in Erinnerung behält, sondern anfängt, in die Zukunft zu fantasieren und dass ihm dieser Gedanke keine Angst macht.“

 

Wer sich auch gerne für Flüchtlinge engagieren möchte, kann sich hier registrieren.