Immer wieder Sonntags

Es ist ein perfekter Tag, um nichts zu tun. Sonntag, noch dazu ein Feiertag. Wie schön wäre es heute, mit seiner Familie ausgiebig zu frühstücken, den Tag im Garten zu verbringen oder spazieren zu gehen. Einfach einmal die Seele baumeln zu lassen. Das wäre herrlich. Doch für einige Darmstädter ist das keine Option. Sie versammeln sich stattdessen hinter dem Hauptbahnhof. Schon von weitem kann man sie erkennen. Grell scheinen ihre neongelben Westen über den ganzen Platz. Die Farbe signalisiert Bedürftigen und Obdachlosen: Hier bekommt ihr Kleidung. Hier bekommt ihr Essen. Hier bekommt ihr Hilfe von Menschen, die sich um euch sorgen. Eine davon ist Tina.

Tina Benz

Die linke Hand hat sie tief in der Tasche ihres dunklen Pullovers vergraben. Die rechte streicht behutsam eine störende Haarsträhne aus dem Gesicht. Es ist windig. Tina lächelt und beobachtet entspannt, wie die anderen Helfer gerade ihre Westen anziehen. „Obdachlosen helfen (Darmstadt)“ steht in grau leuchtenden Lettern auf deren Rückseite. Tina trägt heute keine davon. Es haben genug Leute warmes und kaltes Essen zum Verteilen mitgebracht. „Wir koordinieren die Arbeitsverteilung immer über die Facebookgruppe, die ich Ende 2013 gegründet habe“, erzählt sie. Jeden Sonntag treffen sich einige der mittlerweile 2000 Mann starken Truppe, um Essen, Kleidung und Hygieneartikel an Bedürftige und Obdachlose zu verteilen. Das war nicht immer so.

Brötchenausgabe

„Ich erinnere mich, dass wir am Anfang nur eine Handvoll Leute waren, die mit ein paar Brötchen und ein paar Thermoskannen durch den Bahnhof gelaufen sind.“ Mittlerweile ist nicht nur die Zahl der Helfer gestiegen, sondern auch die der Wohnungslosen, die jeden Sonntag kommen. Etwa 80 bis 100 Menschen nehmen die Hilfe der Gruppe wöchentlich in Anspruch — am Anfang des Monats weniger, gegen Ende mehr. Die meisten kennt Tina mittlerweile sehr gut. „Es sind immer bekannte Gesichter hier. Ich unterhalte mich viel mit den Menschen und freue mich, wenn es ihnen gut geht. Aber natürlich höre ich auch ab und zu nicht so schöne Geschichten. Diese Schicksale gehen mir schon sehr nahe.“ Das Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) leben in Deutschland etwa 39.000 Obdachlose auf der Straße. Die Zahl der Wohnungslosen, d.h. der Menschen, die in Notunterkünften oder Asylheimen leben, liegt sogar bei 412.000. Eine offizielle Erhebung gibt es jedoch nicht. Die Dunkelziffer könnte weit höher liegen. Und die Prognose für die nächsten Jahre ist sogar noch schlimmer: Bis zum Jahr 2018 sollen über 530.000 Menschen in Deutschland keine Wohnung mehr haben.

Statistik: Schätzung zur Anzahl der Wohnungslosen in Deutschland von 1995 bis 2014 und Prognose bis zum Jahr 2018 (in 1.000) | Statista

Viel schlimmer jedoch ist das öffentliche Bild, das sich in viele Köpfe gebrannt hat: Das Bild eines Obdachlosen, der faul, dumm und kriminell ist. Tina jedoch sieht: Dort sitzt keine gesichtslose Gestalt am Straßenrand. Es ist ein Mensch. Ein hungernder Mensch. Ein Mensch ohne Heimat und ohne Unterstützung. Nie würde sie an so einem Menschen vorbeigehen.

Der Wind ist mittlerweile stärker geworden. Ein Klapptisch wird umgeweht. Tina stellt ihn sofort wieder auf. „Für mich ist es selbstverständlich, dass ich helfe, wenn ich kann. Ich habe ja auch nicht viel, aber das hier kostet mich ja kaum etwas. Man kann auch mit wenig Geld helfen.“ Das darf die Gruppe aber nur in Form von Sachspenden annehmen. Sie ist kein Verein, alles läuft privat ab. Tina sieht darin einen entscheidenden Vorteil: „Viele haben Scheu, zu offiziellen Einrichtungen zu gehen. Da braucht man dann den Ausweis und den Hartz-4-Bescheid. Bei uns ist alles ganz unbürokratisch.“

Hilfsaktion auf dem Europaplatz

Mittlerweile haben sich schon lange Schlangen an den Ständen gebildet. Auf der einen Seite gibt es Kaffee, belegte Brötchen und Gebäck. Auf der anderen Seite warmen Eintopf. Immer wieder kommen neue Menschen hinzu, die Tina freundlich begrüßen. Sie fühlt sich sichtlich wohl. „Das hier ist mein Hobby. Ich habe ja auch etwas davon. Ich sehe die Freude über ein belegtes Brötchen oder eine ausrangierte Jacke und weiß, dass ich etwas Gutes getan habe.“ Immer wieder läuft sie Runden über den Platz. Unterhält sich hier mit einem Bedürftigen, streichelt da den Hund eines Obdachlosen, setzt sich zu ihnen auf die Parkbank. Vor drei Jahren waren ihr diese Menschen noch völlig fremd. Nun bedeuten sie ihr etwas. Und sie ihnen. Immerhin schenkt sie ihnen nicht nur etwas zu Essen. Sie gibt ihnen auch ein Stück Lebensqualität, Geborgenheit und Menschlichkeit zurück.

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Tina wohnt mit ihren zwei Kindern, ihrem Mann und ihrem Hund hier ganz in der Nähe. Das ist praktisch, denn sie arbeitet direkt im Hauptbahnhof bei einem Bäcker. „Von dort“, erzählt sie, „darf ich allerdings nichts für Bedürftige mitnehmen.“ Sie klingt frustriert. Die Nähe zum Europaplatz war der Grund, warum sie sich eines Sonntages entschied, Obdachlosen zu helfen. So habe sie erst einmal gemerkt, wie viele Leute wirklich nichts haben. „Am liebsten möchte ich allen da draußen sagen, dass man nicht weggucken, sondern sich lieber einmal Zeit für diese Menschen nehmen soll. So wie unsere Helfer hier. Das sind für mich Helden. Sie reden nicht nur, sondern handeln.“ Sich selbst aber, würde sie nie als Heldin bezeichnen. „Natürlich nicht!“, sagt sie. Dafür ist sie offenbar einfach zu bescheiden.

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