Ein neuer Mensch

„Ich bin kein Held des Alltags. Ich habe einfach Erfahrungen gesammelt, die ich gerne mit anderen teile. Wer die Dankbarkeit anderer für diesen Job braucht, ist hier falsch.“                   – Hajo von Uffel

Sein Leben beginnt am 8. Mai 1988. Es ist nicht sein Geburtstag. Es ist der Tag, an dem Hajo das letzte Mal zur Flasche greift. Alkoholiker, sagt er, ist er immer noch — nur eben trockener.

Hajo von Uffel

Über zwanzig Jahre lang trinkt er an normalen Abenden um die sieben Flaschen Bier. Schmeißt sogar sein Studium zum Bauingenieur, weil ihm kurz vorm Examen die Energie durch seine Abhängigkeit fehlt. Zu seiner späteren Arbeitsstelle kommt er morgens betrunken oder verkatert. Eines Tages spricht ihn sein Chef an. „Es war paradox“, erinnert er sich, „Ich war an diesem Tag genau 10 Jahre in der Firma beschäftigt. Ich dachte er gratuliert mir dazu. Aber nix da.“ Sein Chef bittet Hajo, etwas gegen seine Trinkerei zu unternehmen. Er wirke zu derangiert. Das Gespräch ist Hajo so unangenehm, dass er am liebsten im Boden versinken möchte. Doch es trägt nicht sofort Früchte.

Erst vier Monate später, am 8. Mai, besucht er das erste Mal eine Gruppensitzung, um dem Alkohol den Rücken zu kehren. Warum genau an diesem Tag? Das weiß er nicht. Es spielt aber auch keine Rolle für ihn. Das Datum jedoch, wird er niemals vergessen. Sein Leben hat sich mit einem Schlag drastisch geändert.„Man hat plötzlich viel Zeit. Denn die Zeit, die man vorher mit Trinken und Rausch ausschlafen verbracht hat, muss man nun anders füllen.“ Hajo ist damals alleinerziehender Vater. Zwei Ehen sind schon in die Brüche gegangen, sein Sohn ist zehn Jahre alt. Eine Therapie kommt für ihn deshalb nicht in Frage, denn er hat Angst, das Sorgerecht zu verlieren. Stattdessen geht er regelmäßig zu Gruppensitzungen in Mörfelden. Dort kennt ihn niemand, das macht es ihm leichter.

„In der Gruppe habe ich Leute getroffen, die gute Argumente fürs Trockensein hatten. Ich bin ja nicht in dem Bewusstsein dahingegangen, dass ich Alkoholiker bin. Mein Chef hat mich ja geschickt. Am Anfang hab ich auch so gut wie nichts gesagt, aber dann wurde mir im Laufe von ein paar Wochen klar: Hier gehörst du hin, hier bist du richtig.“ Zwei Jahre lang besucht er die Treffen, dann bietet ihm der Gruppenleiter an, selbst einen Suchtkrankenhelferlehrgang zu machen. Doch Hajo ist noch nicht bereit. Erst weitere zwei Jahre vergehen, ehe er diesen Schritt wagt. „Man muss neben dem Beruf noch etwas machen, was einem Zufriedenheit bringt. Die Suchtkrankenhilfe ist eine Säule für mich. Du bist stabiler, wenn du das machst. Die Gruppe zu leiten, hilft mir heute noch.“

Von seinem privaten Umfeld ist Hajo damals nicht viel geblieben. Seine Sucht trieb ihn in die Einsamkeit. „Ich kann mich an ein Osterfest erinnern, da war mein Sohn im Zeltlager und ich saß alleine Zuhause und überlegte, wen ich anrufen könnte. Aber ich hatte niemanden mehr.“ An diesem Abend besucht er zum ersten Mal die Darmstädter Alkohol- und Suchtselbsthilfe ASS — und bleibt dort hängen. Das ist fast 22 Jahre her.

Mittlerweile ist er Vorsitzender des Vereins. Jeden Freitagabend leitet er im Elisabethenstift eine Motivations- und Festigungsgruppe. Von denen gibt es bei der ASS insgesamt elf in neun Beratungsstellen. Zu den Treffen dürfen aber nicht nur trockene Alkoholiker oder solche, die es werden wollen, kommen. Auch die Angehörigen können an den Gruppen teilnehmen. „Die sind ja mitbetroffen und leiden manchmal sogar mehr als der Trinkende, denn der kriegt es ja selbst nicht mit. Angehörige sind emotional gebunden und haben es besonders schwer.“ Angst, sich vor der Gruppe zu öffnen, muss niemand haben. Die ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer unterliegen einer gesetzlichen Schweigepflicht. Alles bleibt innerhalb der Gruppe.

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Hajo bedauert das Bild, das viele Menschen von Alkoholikern haben. „Die Allgemeinheit meint, der Trinker steht am Kiosk und säuft. Wenn das stimmen würde, dann stünden an jedem Kiosk in Darmstadt etwa 75 Alkoholiker.“ Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen trinken etwa 6% der Deutschen zwischen 18 und 64 Jahren Alkohol in Besorgnis erregendem Maß. „Von denen suchen sich nur etwa 5% Hilfe in Form von Therapien oder Gruppen. Und davon schafft es circa die Hälfte, abstinent zu werden. Das bedeutet, dass von 100 Trinkern nur 2,5 trocken werden.“

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Hajo beschreibt das Gefühl als Befreiung. Der Alkoholiker sei immer Alkoholiker, auch wenn er nicht trinkt und er wird erst frei, wenn er ganz aufhört. Hat man es erst einmal geschafft, so fühle man sich gleich verändert.„Die Augen sind wieder auf, das Weiße ist wieder weiß und du erkennst dich im Spiegel wieder.“ Nun hilft er anderen, sich auch wiederzufinden. Professionell würde er es allerdings nicht gerne machen. „Manchmal ist es belastend. Einerseits muss ich empathisch sein, andererseits genügend Abstand halten. Dieses Hin und Her ist nicht so leicht.“

Nichtsdestotrotz bringt ihm die Arbeit bei der ASS Zufriedenheit und macht ihm Spaß. Es geht ihm gut. Seit 20 Jahren ist er glücklich mit seiner Frau Lisa verheiratet. Und auch in den Gruppen selbst geht es oft munter zu. „Bei uns wird viel gelacht. Ich sage immer: Jetzt, wo wir nicht mehr trinken, können wir doch endlich fröhlich sein!“

Ein Gedanke zu „Ein neuer Mensch

  1. Stadler Rudi

    Ein sehr informativer und offener Beitrag einer Trinkerkariere. Toll finde ich auch die ergänzenden Audio Einspielungen. Hast Du gut gemacht Hajo.
    Eine kleine Anmerkung:
    Die Helfer der Sucht-Selbsthilfe bieten aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen auch professionelle Hilfe an. Dies in Ergänzung zur beruflichen Suchthilfe.
    RST

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